Milchbar

Milchbar

Bild (C)Gabyi

Eine Milchbar steht einsam an der Strandpromenade. Sie schmiegt sich geschwungen und weiß zwischen Hecke und Straße an die Uferpromenade des Ostseebads. Die bodentief verglaste Vorderfront strahlt Leichtigkeit, Offenheit und Transperanz aus und entstammt der Architektur aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Ein pavillonartiges Bauwerk mit jugendstilartiger Frontverglasung wie man sie von historischen Anlagen kennt.

Hier hatte sie als Teenager in der Küche gearbeitet und Milchreis für Badegäste gekocht. Auch Backhähnchen schob sie in die Bratröhre. Abwaschen, Abtrocknen sowie manchmal Bedienen gehörten ebenfalls dazu.
Aus der Musikbox erscholl „Je t’aime moi non plus“.
Es war die reinste Kinderarbeit zum Hungerlohn. Sie aß den ganzen Tag fast nichts, schlug zehn Liter Sahne zu Butter und wurde hinter der Glasfassade gemobbt. Allerdings kannte sie das Wort noch nicht, wohl aber das Gefühl dabei.
Jedoch: sie bekam am Ende 200 DM und konnte sich davon ein Tonbandgerät kaufen und dazu die Platte von Jane Birkin und Serge Gainsbourg.

Später wurde in der Milchbar eine Disco betrieben, die Soulmusik auflegte. Four Tops, Percy Sledge, James Brown, Wilson Picket, Supremes, auch die Rolling Stones waren dabei.

Und heutzutage sind polnische Milchbars wieder – ein Relikt aus der sozialistischen Vergangenheit – modern. Sie kannte sie noch, als sie das sozialistische Polen besucht hatte aus Zopot und Gdansk (Danzig). Sie aß aber lieber nichts dort – aus Angst vor fremden Speisen. Leider, denn es sollte vorzüglich schmecken. Auch heute noch.

Die Hufe des Seepferdes

Bild mit freundlicher Genehmigung von (C) Uwe Bressem

Die Hufe des Seepferdes

Das wollt‘ ich schon längst mal fragen
Ob Seepferdchen Hufe tragen
Als sich die Flüsse in das Meer ergossen
fragt’ ich einst ketzerisch
zu jenem schmalen Fisch
Haben die Aale Flossen ?
Hab die Antwort vermisst
Nur dass die Aalmutter ist
ein lebendgebärender Fisch
Fragen aus dem kühlen Nass
stell’ ich mir ohn’ Unterlass
So auch diese eine feine:
Brauchen Schwertfische Waffenscheine
Und eins hat mich brennend interessiert
Ist der Frauenfisch emanzipiert
oder muss er einen Schleier tragen
und an den speziellen Tagen
in die Boje wenn er menstruiert

aus „Gabyi’s Fischlexikon“

Komische Käuze

Bild mit freundlicher Genehmigung von (C)Uwe Bressem

Komische Käuze

Eigentlich mag ich Eulen nicht
zu Aberglaubenträchtig
weil ihr Revier meist nächtig
und zu kommerzverdächtig

Dann traf ich sie
die „Schleiereule“
und die „Eigentliche Eule“
da verzieh ich ihr Geheule

Die Spatzen

Die Spatzen
(C)2016 Gabyi

Der Spatzenvater stopft den Schnabel
er nimmt nicht Löffel und nicht Gabel
nur seinen eigenen. Sprich: Schnabel
Das Junge wird nicht groß gefragt
Es hat zu fressen was der Alte sagt
auch wenns nicht schmeckt
damit das Kleine nicht verreckt
Gegessen wird was auf dem Tisch
befiehlt der Vater tyrannisch
Auch wenn die kleinen Spatzen
aufrührerisch dagegen schwatzen

Bleiche Weide – Steife Rauke

Was ich mich nie zu fragen traute:
Steht sie am See, die Steife Rauke ?
Und dann die Bleiche Weide
Wächst sie auch in der Heide ?
Oder der blaue Eisenhut
wofür war seine Farbe gut ?
Was ist Wasserschwanenröhricht
fragte ich mich einmal töricht
Steh’n Moosglöckchen und Schwanenblume
auch mal auf der Ackerkrume ?
Und Eselsdisteln und Felsennelken
müssen sie in Gebirgen welken ?
Schwarze Schafsgarbe, Blut-Weiderich
sind sie wirklich so schauerlich ?
Fragen stell ich über Fragen
der Botanik – wer kann’s mir sagen ?

(C) 2003

Die Feuerwanze

Gemeine Feuerwanze – Geometrie
schwarz – rot – rot – schwarz
edles Design von Feuerwehr
kein Käfer ist so hip wie sie
(und ein Käfer war sie nie)
rot – schwarz – schwarz – rot
Warn(dreieck)tracht schützt vor Not
Dreieck mit Kreis – Design gegen Tod

(sie krabbeln auf einer Robinie im Schlosspark Charlottenburg)

aus „Berliner StattPläne“

Der Teddy „Machtjanix“

Bild mit freundlicher Genehmigung von (C)Uwe Bressem | Foto von Gabyi

Der Teddy „Machtjanix“

Als meine Mutter ins Heim kam, brachten wir ihr einen Teddy aus dem KaDeWe mit. „Macht ja nichts“ sagte sie bedauernd und tröstlich zugleich. Wir tauften den Bären „Machtjanix“. Dann verschwand er irgendwann plötzlich aus unerfindlichen Gründen. Wir kauften ihr einen neuen Bären, der fortan bei uns „Machtjadochwas“ hieß.

08.06.2015

Hippocampus Duplex

Bild mit freundlicher Genehmigung von (C)Uwe Bressem
Die Tragik des siamesischen Seepferdes

Es war einmal ein süßes Seepferdchen. Seepferde sind eigentlich Fische und sehr beliebte Tiere, besonders bei den Kurgästen. Die kaufen sie in den Strandpavillonen, um sie ihren Hinterbliebenen mitzubringen.
Das Tier, von dem ich berichte, ist allerdings ein ganz besonderes Exemplar. Es ist eine Laune der Natur und wahrscheinlich ein weiteres Opfer von Fukushima. Aber die Japaner sehen sich nicht gerne in der Opferrolle, das weiß jeder. Also durfte das kleine Ungeheuer weiterleben und wurde meistbietend am Strand angeboten. Es war luftgetrocknet und sorgfältig präpariert.

Es besaß zwei Köpfe und produzierte vormals Eier für seinen Dottersackvorrat zum Spritzen in die Bauchtasche des Männchens, wo sie normalerweise vom männlichen Sp**** befruchtet werden. Diesem Einspritzen der Eier geht eine lange Balz voran. Nur dass dieses spezielle Seepferdchen mit sich selber balzen konnte, da es beide Geschlechtsmerkmale besaß.

Ein kleiner Junge in Tokio bekam dieses Zwitterwesen von seiner Kusine geschenkt, die es ihm in einem Aquarium am Strand kaufte und die leider später an einem Nierenversagen zugrunde ging. Da war der kleine Junge, der inzwischen erwachsen war, sehr traurig. Er verschickte Kondolenzkarten an die noch verbliebenen Geschwister der Kusine. So hatte es ihm sein Vater beigebracht.

Das siamesische Seepferdchen indes gab es da schon lange nicht mehr.
Es war bei einem Umzug verschüttet worden.

09.06.15

aus „Gabyi’s Fischlexikon“

 

Hippocampus Duplex
 oder Das siamesische Seepferd

Nicht simpel sondern doppelter
Hippocampus Duplex – Ross-Bi vom Meer
Doppelt gemoppelt ist tragischer
als einfach. Wusste Frau Stöhr
vom siamesischen Ungeheuer

aus „Gaby’s Fischlexikon“

wissenschaftliche Lyrik und Geschichten